Das Frankfurter Forum diskutiert das Thema „Generationengerechte Versorgung“ über einen Zyklus von zwei Jahren bzw. vier Foren. Begonnen haben wir im Frühjahr 2025 (32. Forum) mit einer einführenden Betrachtung in das Thema: Unter medizinischen Aspekten geht es um eine angemessene Versorgung der unterschiedlichen Bedarfe einzelner Generationen, unter juristischen Aspekten um die rechtlichen Aspekte der Weiterentwicklung der Kranken- und Pflegeversicherung und unter ökonomischen Aspekten um die Verteilung der finanziellen Belastungen der Bürger durch Steuern und Abgaben. Daneben gibt es weitere wichtige Aspekte einer generationengerechten Versorgung, etwa Fragen zum künftigen Zusammenleben von Jung und Alt, zur Ethik, zur Epidemiologie oder Aspekte für eine gute und generationengerechte Pflege oder die künftige Bedeutung der Palliativmedizin. Die Veranstaltung im Herbst 2025 (33. Forum) hat sich vertieft mit der Versorgung älterer Menschen beschäftigt, das aktuelle 34. Forum im Frühjahr 2026 beleuchtet die Versorgung von Kindern und Jugendlichen und im Herbst 2026, zum Abschluss des Zyklus wird es im 35. Forum um konkrete Versorgungsbeispiele und eine übergreifende Diskussion gehen.
Die vorliegenden Erkenntnisse aus Forschung, Gesundheitswissenschaften, Bildungsökonomie, Public Health und medizinischer Versorgung von Kindern und Jugendlichen verdeutlichen die hohe Komplexität kindlicher Lebenswelten und deren Bedeutung für ihre Entwicklung in der Gesellschaft, für gesundheitliche Chancengleichheit und für nachhaltige Präventionsstrategien. Entgegen häufig dominierender Krisennarrative zeigen zahlreiche Studien, dass Kinder und Jugendliche ihre Lebenssituation überwiegend positiv bewerten und eine vergleichsweise hohe Zufriedenheit äußern. Diese Ergebnisse dürfen jedoch nicht zu vereinfachenden Schlussfolgerungen führen, da Lebenslagen junger Menschen durch erhebliche soziale, regionale und ökonomische Unterschiede geprägt sind.
Die Forschung verweist darauf, dass gesundheitliches Verhalten nicht allein durch Wissensvermittlung beeinflusst wird. Routinen, soziale Normen, Umweltbedingungen und gesellschaftliche Erwartungen wirken maßgeblich auf das Verhalten von Kindern und Jugendlichen. Beispiele wie Rauchen, Bewegungsmangel, Alkoholkonsum oder unausgewogene Ernährung zeigen, dass vorhandenes Wissen häufig nicht in gesundheitsförderliches Verhalten umgesetzt wird. Gleichzeitig lässt sich die gesundheitliche Situation nicht pauschal entlang einzelner Merkmale wie Migrationshintergrund oder Nutzungsprofile sozialer Medien erklären, sondern nur innerhalb spezifischer Teilgruppen differenziert analysieren. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass lineare Ursache-Wirkungs-Modelle den vorherrschenden Zusammenhängen nicht gerecht werden.
Ein zentrales Problem besteht in der Fragmentierung des deutschen Präventions- und Versorgungssystems. Zahlreiche regionale Projekte, Programme der Krankenkassen sowie kommunale Initiativen existieren nebeneinander, häufig ohne ausreichende Abstimmung, ohne koordiniertem Aufbau von Datenbanken und ohne einem strukturierten Datenaustausch. Die Folge sind konkurrierende Strukturen (Silos), inkompatible Daten und eine geringe Koordination zwischen den Akteuren. Maßnahmen scheitern oftmals nicht an fehlendem Wissen, sondern unzureichender Kommunikation oder fehlender Akzeptanz bei Kindern und Jugendlichen. Die Evidenzbasis vieler Interventionen bleibt zudem schwach, da randomisierte kontrollierte Studien selten durchgeführt werden und Evaluationen häufig nicht systematisch erfolgen, um belastbare Aussagen über Wirkungen und langfristige Effekte treffen zu können. Vor diesem Hintergrund sollten stärker evidenzbasierte und strukturell wirksame Maßnahmen priorisiert werden, weniger der reine Nachweis von Aktivität.
Diskutiert wird auch über die Verbindung von Gesundheit, Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe. Aufbauend auf den Arbeiten des Ökonomie-Nobelpreisträgers James Heckman wird argumentiert, dass Investitionen in frühkindliche Bildung und Gesundheit die höchsten gesellschaftlichen Renditen erwirtschaften. Frühkindliche Förderung wirkt sich nicht nur positiv auf Bildungskarrieren und Arbeitsmarktchancen aus, sondern verbessert auch langfristig gesundheitliche Outcomes. Besonders stark profitieren Kinder aus sozial benachteiligten und anregungsarmen Lebensumfeldern, wodurch frühe Förderung zugleich einen wichtigen Beitrag zur Chancengleichheit leistet. Quasiexperimentelle Studien zeigen beispielsweise, dass eine bessere Schulbildung der Eltern, insbesondere der Mütter, langfristig zu geringeren Raucherquoten und niedrigeren Adipositasraten bei den Kindern führt. Auch der Ausbau frühkindlicher Betreuungsangebote weist langfristig positive gesundheitliche Effekte auf. Untersuchungen auf Basis gesetzlicher Krankenkassendaten zeigen, dass Investitionen in Kindertagesstätten langfristig Gesundheitskosten reduzieren und zugleich positive Spillover-Effekte auf die Gesundheit der Eltern entfalten. Gleichzeitig verdeutlichen Studien zur familiären Betreuung, dass bestimmte Unterstützungsformen nicht automatisch positive Effekte erzeugen. So können gesundheitliche Einschränkungen betreuender Großeltern insbesondere bei Jungen im Grundschulalter durch negative Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung haben.
In der Kinderanästhesie wird deutlich, dass Kinder keine „kleinen Erwachsenen“ sind, sondern eine hochspezialisierte medizinische Versorgung benötigen. Die ersten Lebensjahre sind durch enorme physiologische Unterschiede geprägt, die differenzierte Normwerte, spezielle Medikamente und hohe fachliche Expertise erfordern. Gleichzeitig ist die Versorgung stark von jungen Assistenzärztinnen und Assistenzärzten geprägt, die oft nur begrenzte Erfahrung mit Kindern besitzen und sich zusätzlich mit hochinformierten Eltern auseinandersetzen müssen. Die gesellschaftliche Akzeptanz von Off-Label-Medikationen bei Kindern verdeutlicht die Defizite in der Entwicklung kindgerechter Arzneimittel.
Die kinderchirurgische Versorgung ist zudem durch Unterfinanzierung, regionale Unterschiede und eine starke Zersplitterung gekennzeichnet. Erwachsene Chirurgen dürfen vielerorts Kinder operieren, weil spezialisierte kinderchirurgische Expertise nur eingeschränkt verfügbar ist. Daraus ergibt sich die Forderung nach stärkerer Zentralisierung komplexer Eingriffe, besserer Vorhaltefinanzierung sowie geeigneten Qualitätskriterien, die die tatsächliche Komplexität der Versorgung abbilden.
Im Bereich Public Health wird zunehmend betont, dass Prävention und Gesundheitsförderung nicht ausschließlich unter ökonomischen Einsparpotenzialen betrachtet werden dürfen, sondern als Investitionen in gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit. Der Fachkräftemangel, die Zunahme psychischer Belastungen sowie soziale Ungleichheiten stellen zentrale Herausforderungen dar. Gleichzeitig existieren bereits funktionierende Strukturen, etwa im Bereich Früher Hilfen, Schuleingangsuntersuchungen oder kommunaler Präventionsnetzwerke, die stärker ausgebaut werden sollten. Als positives Beispiel wird der „Pakt für Kindergesundheit“ in Bayern hervorgehoben, der strukturelle Verbesserungen der medizinischen Versorgung, stärkere Beteiligung von Kindern und Jugendlichen sowie einen faireren Zugang zu frühkindlicher Bildung anstrebt.
In diesem Zusammenhang gewinnen School Nurses zunehmend an Bedeutung. Als spezialisierte Pflegekräfte im schulischen Setting verbinden sie Gesundheitsversorgung, Prävention und Bildungsförderung. Studien zeigen positive Effekte auf Bildungskarrieren, Gesundheitsversorgung und die Entlastung von Familien. Gleichzeitig scheitert eine flächendeckende Umsetzung häufig an Finanzierungsfragen und der Fragmentierung der Zuständigkeiten zwischen Bildungs- und Gesundheitssystem. Modelle aus Hessen und Brandenburg verdeutlichen, dass professionelle Gesundheitsversorgung an Schulen langfristig sowohl ökonomisch als auch gesellschaftlich vorteilhaft sein kann.
Ein weiteres zentrales Thema betrifft die ethische Perspektive auf Kinder und Jugendliche. Kinder sollten nicht ausschließlich als vulnerable Personen verstanden, sondern zugleich als Individuen mit eigenen Fähigkeiten, Interessen und Ressourcen. Die Selbstbestimmungsfähigkeit entwickelt sich dynamisch über die gesamte Kindheit hinweg und ist eng mit familiären Strukturen verbunden. Das Kindeswohl stellt dabei einen offenen Rechtsbegriff dar, der sowohl gegenwärtige als auch zukünftige Interessen des Kindes berücksichtigen muss. Es gibt im deutschen Rechtssystem bisher aber kein einklagbares Grundrecht auf Gesundheit. Gesundheit wird als grundlegende Voraussetzung für eine gelingende Entwicklung verstanden. Im Jahr 2010 hat Deutschland die Kinderrechts-Konvention der Vereinten Nationen angenommen. Vielfach wird seither gefordert, die Kinderrechte in das Grundgesetz aufzunehmen, denn es würde den Stellenwert von Kindern in vielen Lebensbereichen erhöhen.
Insgesamt zeigen die unterschiedlichen Perspektiven aus Wissenschaft, Medizin, Bildungsökonomie und Public Health, dass Kinder- und Jugendgesundheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden muss. Nicht ein Mangel an Wissen, sondern Defizite in Koordination, Umsetzung, Finanzierung und politischer Priorisierung stellen die größten Herausforderungen dar. In Anbetracht der älter werdenden deutschen Gesellschaft ist der gesetzliche Schutz und die Optimierung der Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen eine zwingende Notwendigkeit. Wir sollten alles daransetzen, unsere Gesellschaft „kinder- und enkeltauglich“ zu gestalten.
Von Prof. Dr. Volker Ulrich, Dr. Regina Klakow-Franck, Petra Acher
