Förderung von Kinder- und Jugendgesundheit im Rahmen einer Nationalen Präventionsstrategie

Dr. med. Ute Teichert

Die gesundheitliche Lage von Kindern und Jugendlichen in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren in zentralen Bereichen verschlechtert. Psychische Erkrankungen, Übergewicht und gesundheitliche Ungleichheit nehmen zu, während gleichzeitig Versorgungsdefizite, Fachkräftemangel und strukturelle Finanzierungslücken bestehen. Der Beitrag analysiert aktuelle Herausforderungen der Kinder- und Jugendgesundheit, beschreibt die Rolle des Öffentlichen Gesundheitsdienstes und diskutiert politische Handlungsoptionen für eine wirksame Nationale Präventionsstrategie. Im Mittelpunkt steht die Forderung, Kinder und Jugendliche als eigenständige Zielgruppe gesundheitspolitischer Prävention zu verankern.

Die gesundheitliche Situation von Kindern und Jugendlichen in Deutschland steht zunehmend im Fokus gesundheitspolitischer Debatten. Dabei zeigen aktuelle Studien und Berichte erhebliche Defizite in der Prävention und Gesundheitsförderung auch bei jungen Menschen. Besonders auffällig sind die Zunahme psychischer Belastungen, die hohe Prävalenz von Übergewicht und Adipositas sowie die enge Verknüpfung von Gesundheitschancen mit sozialer Herkunft.

Die vergangenen Jahre waren geprägt von multiplen gesellschaftlichen Krisen. Die Folgen der COVID-19-Pandemie, internationale Konflikte, wirtschaftliche Unsicherheiten, die Klimakrise sowie gesellschaftliche Polarisierung wirken sich nachhaltig auf das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen aus. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass insbesondere vulnerable Gruppen von diesen Entwicklungen betroffen sind.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Diskussion um eine umfassende Nationale Präventionsstrategie an Bedeutung. Ziel muss es sein, Gesundheitsförderung nicht nur als individuelle Verhaltensfrage zu verstehen, sondern als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Lebenswelten, soziale Bedingungen und strukturelle Rahmenbedingungen einbezieht.

Die folgenden Ausführungen analysieren die aktuelle Lage der Kinder- und Jugendgesundheit, beleuchten strukturelle Defizite des bestehenden Systems und zeigen Ansätze für eine zukunftsfähige Präventionspolitik auf.

Die gesundheitliche Lage von Kindern und Jugendlichen ist in mehreren Bereichen besorgniserregend. Besonders deutlich zeigt sich dies bei psychischen Erkrankungen, Adipositas sowie sozial bedingten Gesundheitsungleichheiten.Diese Entwicklungen haben sich während der Corona-Pandemie noch verstärkt.

Die psychische Gesundheit junger Menschen hat sich in den vergangenen Jahren erheblich verschlechtert. Nach aktuellen Daten des Statistischen Bundesamts wurden 2024 insgesamt 116.300 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 19 Jahren stationär wegen psychischer Erkrankungen behandelt. Dies entspricht 18,9 Prozent aller Krankenhausbehandlungen dieser Altersgruppe. Im Vergleich zum Jahr 2004 bedeutet dies einen Anstieg um 36,5 Prozent.

Besonders alarmierend ist die Entwicklung bei Angststörungen. Bei Mädchen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren wurde zwischen 2019 und 2024 ein Anstieg um 53 Prozent registriert. Schätzungsweise 75.500 Teenagerinnen sind betroffen. Gleichzeitig zeigt die vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf durchgeführte COPSY-Studie, dass etwa jedes fünfte Kind eine eingeschränkte Lebensqualität aufweist. Besonders betroffen sind Mädchen ab dem 14. Lebensjahr.

Die Ursachen psychischer Belastungen sind vielfältig. Laut COPSY-Studie zählen Kriege und Terrorismus, wirtschaftliche Unsicherheit, die Klimakrise sowie gesellschaftliche Spaltung und Zuwanderungsdebatten zu den wichtigsten Belastungsfaktoren. Diese Entwicklungen verdeutlichen, dass psychische Gesundheit nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern eng mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verknüpft ist.

Auch Übergewicht und Adipositas sind zentrale Herausforderungen. Bereits heute leidet fast jedes sechste Kind in Deutschland an Übergewicht oder Adipositas. Als Folgen können Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes mellitus bis hin zu Gefäßschäden auftreten.

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina warnt vor einer Adipositas-Epidemie mit erheblichen gesundheitlichen und volkswirtschaftlichen Konsequenzen. Die Folgekosten werden auf zwei bis drei Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts geschätzt. Dies entspräche mehr als 100 Milliarden Euro jährlich.

Besonders problematisch ist die zunehmende Bewegungsarmut bei Kindern und Jugendlichen. Fehlende Bewegungsräume, eingeschränkter Schulsport sowie mangelnde Sportangebote in sozial benachteiligten Regionen und Quartieren verstärken das Problem. Hinzu kommen Defizite beim Schwimmunterricht. Laut DLRG können bis zu 60 Prozent der Grundschulkinder nicht sicher schwimmen.

Gesundheitliche Chancen sind in Deutschland weiterhin stark von der sozialen Herkunft abhängig. Kinder aus bildungsfernen Familien haben ein dreifach erhöhtes Risiko für psychische Belastungen und eine 3,6-fach höhere Wahrscheinlichkeit, an Adipositas zu erkranken.

Internationale Studien bestätigen diesen Zusammenhang. Der WHO-Europa-Bericht zur Gesundheit von Schülerinnen und Schülern zeigt, dass Jugendliche aus einkommensschwachen Familien häufiger unter Übergewicht, Bewegungsmangel und ungesunder Ernährung leiden.

Gesundheitsprobleme lösen sich nicht von selbst. Vielmehr folgen sie sozialen Gegebenheiten. Wer in Armut aufwächst, hat schlechtere Chancen auf gesunde Ernährung, ausreichende Bewegung, Prävention und medizinische Versorgung. Gesundheitsförderung ist daher immer auch Sozialpolitik.

Neben den gesundheitlichen Herausforderungen bestehen strukturelle Probleme im Versorgungssystem.

Der Kindergesundheitsbericht 2025 der Stiftung Kindergesundheit beschreibt einen zunehmenden Mangel an Kinder- und Jugendärztinnen sowie Kinder- und Jugendpsychiatern. Besonders kritisch ist die Situation im ländlichen Raum und in sozial belasteten Regionen.

Auch der Öffentliche Gesundheitsdienst ist vom Fachkräftemangel betroffen. Zwar hat sich die Zahl, der im kinder- und jugendärztlichen Dienst der Gesundheitsämter beschäftigten Ärztinnen und Ärzte in den vergangenen Jahren erhöht. Dies wurde durch ein Konjunkturprogramm der Bundesregierung während der Pandemie mit dem Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst ermöglicht. Es ist jedoch zu befürchten, dass diese Entwicklung durch das Auslaufen des Pakts Ende 2026 wieder gestoppt wird. 

Nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jungendmedizin bildet das bestehende Finanzierungssystem der gesetzlichen Krankenversicherung die besonderen Bedarfe junger Patientinnen und Patienten nur unzureichend ab. Pädiatrische Versorgung sei häufig strukturell unterfinanziert.

Dies beträfe sowohl ambulante als auch stationäre Angebote. Kinderkliniken, kinder- und jugendpsychiatrische Einrichtungen arbeiteten vielfach unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Gleichzeitig steigen die Anforderungen durch komplexe psychosoziale Problemlagen.

Hinzu kommen Engpässe bei kindgerechten Medikamenten und Medizinprodukten. Viele Arzneimittel sind nicht ausreichend auf Kinder abgestimmt. Dosierungen und Zulassungsverfahren orientieren sich häufig an Erwachsenen.

Die Folge sind Unsicherheiten in der Behandlung und Versorgungsprobleme insbesondere bei chronisch kranken Kindern, auch wenn sich die Versorgungslage durch gesetzliche Interventionen in den letzten Jahren verbessert hat.

Ein weiterer kritischer Punkt betrifft die Partizipation junger Menschen. Laut einer forsa-Umfrage können 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen bei Arztbesuchen nur wenig mitentscheiden. Mehr als die Hälfte dieser Gruppe wünscht sich eine stärkere Beteiligung.

Partizipation ist jedoch eine zentrale Voraussetzung für erfolgreiche Prävention und Gesundheitsförderung. Kinder und Jugendliche müssen ernst genommen und in Entscheidungen einbezogen werden.

Eine wirksame Präventionsstrategie für Kinder und Jugendliche ist ohne den Öffentlichen Gesundheitsdienst nicht denkbar. Insbesondere die Kinder- und Jugendgesundheitsdienste in den Gesundheitsämtern übernehmen zentrale Aufgaben der Prävention, Gesundheitsförderung und sozialkompensatorischen Versorgung.

Der Kinder- und Jugendgesundheitsdienst des ÖGD ist der einzige Bereich des Gesundheitssystems, der Kinder bevölkerungsmedizinisch und unabhängig von wirtschaftlichen Interessen erreicht.

Zu den Aufgaben gehören:

  • Schuleingangsuntersuchungen
  • schulärztliche Begutachtungen
  • Impfmonitoring
  • Früherkennung von Entwicklungsstörungen
  • Kinderschutz
  • Zusammenarbeit mit Kinder- und Jugendhilfe und Frühen Hilfen

Eine zentrale Rolle spielt dabei die für alle Kinder vor der Einschulung verbindliche Schuleingangsuntersuchung, deren Inhalte sich wie folgt beschreiben lassen.

Je nach Größe, Ausstattung und Bundesland des Gesundheitsamtes können auch Aufgaben, wie Gesundheitsberichterstattung, Gesundheitsplanung, Infektionsschutz in Gemeinschaftseinrichtungen oder Zahnmedizinische Gruppenprophylaxe in Schulen und Kindertagesstätten durchgeführt werden.

Der Kinder- und Jugendgesundheitsdienst arbeitet niedrigschwellig, multiprofessionell und aufsuchend. Gerade Kinder aus sozial belasteten Familien, die das reguläre Versorgungssystem häufig nicht erreichen, profitieren von diesen Angeboten.

Die Arbeit des Öffentlichen Gesundheitsdienstes leistet einen wesentlichen Beitrag zur gesundheitlichen Chancengleichheit. Schuleingangsuntersuchungen ermöglichen die frühzeitige Erkennung von Entwicklungsdefiziten unabhängig vom sozialen Status.

Besonders bedeutsam ist die koordinierende Rolle im Sozialraum. Der Kinder- und Jugendgesundheitsdienst vernetzt Schulen, Jugendhilfe, Sozialpädiatrie und Präventionsangebote.

Damit übernimmt der Öffentliche Gesundheitsdienst eine zentrale Funktion bei der Umsetzung von Gesundheitsförderung in den Lebenswelten von Kindern.

Die zahnmedizinische Gruppenprophylaxe gilt als eines der erfolgreichsten Präventionsprogramme in Deutschland.

Seit den 1980er Jahren konnte die Zahl kariöser, gefüllter oder verlorener Zähne bei 12-Jährigen erheblich reduziert werden. Der sogenannte DMFT-Index sank von durchschnittlich 4,5 im Jahr 1980 auf heute unter 0,5.

Dieser Erfolg beruht auf einer konsequenten Zusammenarbeit von Krankenkassen, Gesundheitsämtern, Schulen, Kindertagesstätten und Einbindung von niedergelassenen Zahnärztinnen und Zahnärzte.

Die gesetzliche Grundlage für die zahnmedizinische Gruppenprophylaxe bildet § 21 SGB V. Krankenkassen sind verpflichtet, Maßnahmen zur Verhütung von Zahnerkrankungen bei unter 12 jährigen in Gruppen zu fördern. In Schulen und Behinderteneinrichtungen, in denen das durchschnittliche Kariesrisiko besonders hoch ist, werden die Maßnahmen bis zum 16. Lebensjahr durchgeführt.

Die Gruppenprophylaxe zeigt exemplarisch, wie erfolgreiche Prävention funktionieren kann:

  • frühzeitig,
  • flächendeckend,
  • niedrigschwellig,
  • lebensweltorientiert,
  • wissenschaftlich fundiert.

Gleichzeitig bestehen weiterhin Herausforderungen. Die positive Entwicklung beim DMFT Index seit Anfang der 90-iger Jahre zeigt die folgende Grafik, die auch die Abhängigkeit vom sozialen Status aufzeigt.

Entwicklung der Karieserfahrung bei Kindern: Die Karieserfahrung 13- bis 14-Jähriger sinkt von 4,9 im Jahr 1989/92 auf 0,5 im Jahr 2014. Sie ist bei Kindern mit niedrigem Sozialstatus höher.

Die Reichweite der Angebote unterscheidet sich regional erheblich. Personalmangel im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst erschwert die Umsetzung. Gerade sozial benachteiligte Kinder, die am stärksten profitieren würden, werden häufig am seltensten erreicht. Aber die Erfahrungen der Kariesprävention liefern auch wichtige Erkenntnisse für andere Präventionsbereiche wie Ernährung, Bewegung und psychische Gesundheit.

Schulen und Kindertagesstätten sind zentrale Orte für Präventionsangebote, da hier nahezu alle Kinder unabhängig von sozialer Herkunft erreicht werden.  Wichtige Themenfelder sind Gesundheitskompetenz, Bewegung und Hygiene.

Nach einer neuen Studie der Universität Bielefeld, dem HLS-GER 3 weisen 55,7 % der Bevölkerung in Deutschland eine geringe Gesundheitskompetenz auf. Besonders betroffen sind Kinder aus bildungsfernen Familien. Fachgesellschaften und auch die Bundesärztekammer fordern deshalb die Integration eines eigenständigen Schulfachs „Gesundheit“ in den Schulunterricht.

Ausreichende Bewegung ist eine grundlegende Voraussetzung gesunder Entwicklung. Dennoch zeigen aktuelle Daten erhebliche Defizite. Viele Schulen verfügen nicht mehr über ausreichende Sportflächen oder Schwimmbäder. Lehrkräftemangel und Pandemiefolgen sowie die schwierige Finanzsituation zahlreicher Kommunen haben die Situation verschärft. Programme wie die Bewegungs-Halbstunde an bayerischen Grundschulen zeigen, wie Bewegungsförderung strukturell verankert werden kann.

Schulen benötigen funktionierende Sanitäranlagen, Hygienekonzepte und gesundheitliche Beratung.

Mit dem Präventionsgesetz von 2015 wurde eine Nationale Präventionsstrategie etabliert. Ziel war die stärkere Förderung gesundheitsbezogener Prävention in unterschiedlichen Lebenswelten.

Durch die Regelungen des § 20 a SGB V werden die Krankenkassen verpflichtet einen bestimmten Mindestbetrag je Versicherten für Maßnahmen der Gesundheitsförderung in nicht betrieblichen Lebenswelten - darunter auch für Kitas und Schulen - auszugeben. Im Jahr 2025 lagen diese Ausgaben bei 193 Mio. €, gerade einmal 0,05 Prozent der gesamten GKV-Ausgaben. Für betriebliche Gesundheitsförderung nach § 20 b haben die Krankenkassen 240 Mio. € und für verhaltensbezogene Individualprävention nach § 20 Abs.4 222 Mio. € verwendet.

Art und Anzahl der Lebenswelten: Ringdiagramm zur Verteilung von Kindern auf verschiedene Lebenswelten.

Die Nationale Präventionskonferenz koordiniert Maßnahmen der Gesundheitsförderung. Die Umsetzung erfolgt über Landesrahmenvereinbarungen in Kommunen, Schulen, Betrieben und Pflegeeinrichtungen.

Positiv hervorzuheben sind:

  • der strukturierte Setting Ansatz,
  • Förderanreize der gesetzlichen Krankenversicherung,
  • zunehmende sektorenübergreifende Kooperationen,
  • erfolgreiche Programme wie die Gruppenprophylaxe.

Trotz dieser Fortschritte bestehen erhebliche Defizite. Kinder und Jugendliche sind bislang keine eigenständige Zielgruppe innerhalb der Nationalen Präventionsstrategie. Zudem ist das langfristige Monitoring der Kinder- und Jugendgesundheit bislang nicht ausreichend abgesichert. Auch die Finanzierung weist Schwächen auf. Präventionsmittel reichen insbesondere in strukturschwachen Regionen nicht aus.

Nach den Erfahrungen der Corona Pandemie fordert die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) eine Nationale Präventionsstrategie für Kinder und Jugendliche und eine grundlegende Weiterentwicklung der Präventionspolitik. Dabei fordert sie u.a.

  • eine systematische Prüfung der Auswirkungen politischer Entscheidungen auf Kinder,
  • einen dauerhaften Präventionsrat,
  • evidenzbasierte frühe Prävention,
  • Gesundheitskompetenz in Kitas und Schulen,
  • ein Schulfach Gesundheit,
  • Schulgesundheitsfachkräfte,
  • die Stärkung des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes,
  • die Erweiterung von Vorsorgeuntersuchungen,
  • einen stärkeren Fokus auf Verhältnisprävention,
  • ein gesellschaftliches Investitionsdenken.

Zentral ist dabei die Erkenntnis, dass Prävention langfristige Investitionen in gesellschaftliche Stabilität und Lebensqualität darstellt.

Auch Kinderärzte, Gesundheitspolitiker und Krankenkassen haben 2025 gemeinsam einen Pakt für Kindergesundheit geschlossen mit dem Ziel die Gesundheit von Kindern mithilfe von Prävention und einer verbesserten Versorgung zu stärken. Im Pakt sind elf Forderungen enthalten, die sich in drei Themenschwerpunkte aufteilen: Kinder sollten immer mitgedacht werden, die Verhältnisprävention muss gestärkt und die medizinische Versorgung verbessert werden.

Eine zentrale Erkenntnis ist aber auch, dass Prävention sich nicht ausschließlich auf individuelles Verhalten konzentrieren sollte. Gesundheitsförderung erfordert gesunde Lebensbedingungen, die geschaffen werden müssen.

Dazu gehören gerade für Kinder und Jugendliche:

  • sichere Schulwege,
  • gesunde Ernährung,
  • Bewegungsräume,
  • soziale Sicherheit,
  • gute Wohnverhältnisse,
  • Zugang zu Bildung,
  • armutsfeste Familienpolitik.

Der Health in all Policies – Ansatz ist dabei das Fundament und gewinnt zunehmend an Bedeutung. Gesundheitspolitik muss ressortübergreifend gedacht und umgesetzt werden.

Ein zentrales Problem bleibt die langfristige Finanzierung präventiver Strukturen.

Der ÖGD-Pakt stellte zwischen 2021 und 2026 insgesamt vier Milliarden Euro befristet aus Bundesmitteln zur personellen Stärkung und Verbesserungen der Digitalisierung der Gesundheitsämter zur Verfügung. Die nachhaltige Stärkung des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes blieb vielerorts aus.

Ab 2027 droht eine erhebliche Finanzierungslücke. Eine dauerhafte Anschlussfinanzierung ist des Pakts ist bislang nicht gesichert. Die Bundesregierung hat eine Verlängerung des Pakts über 2026 hinaus abgelehnt.

Die FinanzKommission Gesundheit legte im Frühjahr 2026 Empfehlungen zur Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung vor. Zwar enthalten diese einzelnen präventionsrelevanten Maßnahmen wie die Einführung einer gestaffelten Steuer auf zuckergesüsste Getränke und höhere Steuern auf Tabak und Alkohol vor, deren Aufkommen nach Auffassung der Kommissionsmitglieder der GKV zufließen sollen. In einem bis Jahresende 2026 erwarteten zweiten Bericht will die Kommission strukturelle Empfehlungen zum Ausbau der Prävention vorlegen. Kinder werden jedoch bislang noch nicht als eigenständige Zielgruppe betrachtet.

Die Bundesregierung hat zwar beschlossen ab 2027 eine Steuer auf zuckergesüßte Getränke einzuführen und eine Erhöhung von Tabak- und Alkoholsteuer vorzunehmen, diese dienen jedoch vor allem dem Finanzministerium unter fiskalischen Gesichtspunkten der Generierung zusätzlicher Einnahmen für den Bundeshaushalt.

Eine zukunftsfähige Präventionsstrategie für Kinder und Jugendliche könnte auf mehreren zentralen Bausteinen beruhen.

  • Kinder und Jugendliche sollten als eigene Zielgruppe betrachtet werden
    Kinder und Jugendliche benötigen spezifische Strategien. Prävention sollte altersspezifisch, entwicklungsorientiert und partizipativ gestaltet werden.

  • Der Schwerpunkt sollte unter Stärkung der Verhältnisprävention ausgerichtet sein
    Gesunde Lebensbedingungen sind wichtiger als reine Verhaltensempfehlungen. Kitas, Schulen und Sozialräume sollten gesundheitsförderlich gestaltet werden.

  • Ein Monitoring sollte dauerhaft gesichert werden
    Eine wirksame Gesundheitspolitik benötigt verlässliche Daten. Studien zur Gesundheitsberichterstattung sollten strukturell verankert und dauerhaft finanziert werden.

  • Chancengleichheit für Kinder und Jugendliche sollten priorisiert werden
    Prävention sollte insbesondere sozial benachteiligte Kinder erreichen. Gesundheitsförderung darf bestehende Ungleichheiten nicht verstärken.

  • Ressortübergreifendes Handeln ist zwingend geboten
    Gesundheitspolitik betrifft Bildung, Ernährung, Verkehr, Umwelt, Soziales und Stadtentwicklung gleichermaßen.

  • Öffentliche Gesundheitsdienste und Gesundheitsämter sollten gestärkt werden
    Der Öffentliche Gesundheitsdienst und die Gesundheitsämter sollten dauerhaft personell und finanziell abgesichert werden.

  • Anschlussfinanzierung von Projekten sollten gesichert werden
    Die Finanzierung präventiver Strukturen sollte nicht von kurzfristigen Förderprogrammen abhängen.

Die gesundheitliche Situation von Kindern und Jugendlichen in Deutschland erfordert entschlossenes politisches Handeln. Psychische Belastungen, Adipositas und soziale Ungleichheiten nehmen zu, während gleichzeitig strukturelle Defizite im Versorgungssystem bestehen.

Die Erfahrungen erfolgreicher Präventionsprogramme wie der zahnmedizinischen Gruppenprophylaxe zeigen, dass frühzeitige, lebensweltorientierte und niedrigschwellige Maßnahmen wirksam sind.

Eine wirksame Nationale Präventionsstrategie muss Kinder und Jugendliche als eigenständige Zielgruppe begreifen. Sie muss Gesundheitsförderung ressortübergreifend denken, soziale Ungleichheit reduzieren und Prävention dauerhaft finanzieren.


Dr. med. Ute Teichert

Dr. med. Ute Teichert

2022 bis 2025: Ministerialdirektorin und Leiterin der Abteilung „Öffentliche Gesundheit“ im Bundesministerium für Gesundheit in Bonn und Berlin.

2014 bis 2022: Leiterin der länderübergreifenden Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf.

2012 bis 2014: Abteilungsleiterin „Gesundheit und Pharmazie“ im Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung, Rheinland-Pfalz.

2002 bis 2012: Leiterin des Gesundheitsamtes im Landkreis Ahrweiler.

1998 bis 2002: Angestellte Ärztin im Gesundheitsamt im Landkreis Ahrweiler. 

1994 bis 1998: Assistenzärztin Innere Medizin und Chirurgie im Krankenhaus Maria Stern Remagen.  

Ehrenamtliches berufspolitisches Engagement
2009 - 2022: Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes e.V.
Berufspolitische und fachliche Interessensvertretung der Gesundheitsämter, insbesondere während der Pandemie gegenüber Bundesregierung, Parlament und Öffentlichkeit, Zentrale Ansprechpartnerin des ÖGD gegenüber den Medien, Organisation des jährlich stattfindenden wissenschaftlichen Kongresses.

Foto: Alex Malinka.


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