Prof. Dr. Catharina Maulbecker Armstrong Technische Hochschule Mittelhessen, Fachbereich Gesundheit und Dieter Schulenberg Technische Hochschule Mittelhessen © 2026
Abstract
Die gesundheitliche Lage von Kindern und Jugendlichen in Deutschland ist alarmierend. Psychische Belastungen, chronische Erkrankungen und soziale Ungleichheiten nehmen zu, während die Gesundheitskompetenz sinkt. Das Setting Schule bietet eine zentrale Chance zur Neuausrichtung der Kinder‑ und Jugendgesundheit. Schulgesundheitsfachkräfte (School Nurses) verbinden Prävention, Pflege und Pädagogik. Sie fördern Inklusion, stärken Gesundheitsbildung und entlasten Lehrkräfte. Der Beitrag beschreibt Struktur, Qualifikation, gesundheitsökonomischen Nutzen und politische Perspektiven einer flächendeckenden Implementierung.
Schlüsselwörter: Schulgesundheitspflege, School Nursing, Prävention, Gesundheitskompetenz, Bildungsgerechtigkeit, Public Health Nursing, Schulgesundheitsfachkräfte
Einleitung
Gesundheit und Bildung sind eng miteinander verknüpft. Wer gesund bleibt, kann besser lernen – und wer lernt, verbessert seine gesundheitlichen Chancen. Die Schule ist damit ein Schlüsselort für Prävention, Gesundheitsförderung und soziale Teilhabe. In Deutschland wird diese Verbindung bislang unzureichend genutzt. Das Konzept der Schulgesundheitsfachkraft (SGFK), international als School Nurse etabliert, bietet die Möglichkeit, Gesundheit systematisch im schulischen Alltag zu verankern und Bildungsgerechtigkeit zu fördern (Beyer‑Lichtblau et al., 2026).
Der Expertenbericht „Verantwortung für die Zukunft von Kindern und Jugendlichen“ (2026) zeigt deutlich, dass die gesundheitlichen Belastungen junger Menschen zunehmen und dass Schulen als Lebensorte eine zentrale Rolle bei der frühzeitigen Erkennung und Begleitung gesundheitlicher Problemlagen spielen müssen. Die Einführung von Schulgesundheitsfachkräften/School Nurses ist daher nicht nur eine bildungs- und gesundheitspolitische Maßnahme, sondern eine strukturelle Antwort auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen.
Ausgangslage und Bedarf
Rund 25 % der Kinder in Deutschland haben chronische oder psychische Erkrankungen mit besonderem Versorgungsbedarf. Die Pandemie hat diese Entwicklung verschärft: Depressionen und Angststörungen stiegen bei Jugendlichen um bis zu 25 %, Essstörungen um 50 % (Beyer‑Lichtblau et al., 2026).
Diese gesundheitlichen Herausforderungen spiegeln sich im Schulalltag wider. Lehrkräfte berichten von zunehmenden Belastungen durch akute gesundheitliche Probleme, chronische Erkrankungen, psychische Krisen und fehlende Gesundheitskompetenz. Gleichzeitig fehlen ihnen Zeit, Ausbildung und Ressourcen, um diese Aufgaben professionell zu bewältigen.
School Nurses (Schulgesundheitsfachkräfte) schließen diese Lücke als Brückenbauer zwischen Bildung, Gesundheit und Familie. Sie sind kontinuierlich im Setting Schule präsent, kennen die Kinder, die Familien und die schulischen Strukturen und können frühzeitig intervenieren. Damit leisten sie einen Beitrag zur Verringerung gesundheitlicher und sozialer Ungleichheit.
Aufgaben und Wirkungen
School Nurses (Schulgesundheitsfachkräfte) übernehmen ein breites Spektrum an Aufgaben, das weit über die medizinisch-pflegerische Versorgung hinausgeht. Dazu gehören die Akutversorgung bei Verletzungen und plötzlichen Erkrankungen, die Betreuung chronisch kranker Kinder (z. B. Diabetes, Asthma, Epilepsie), die Unterstützung psychisch belasteter Schüler*innen, Gesundheitsförderung und Prävention, Früherkennung und Screening, die Beratung von Eltern, Lehrkräften und Schulleitungen, die Koordination mit Gesundheitsdiensten, Jugendhilfe und Beratungsstellen, sowie die Lotsenfunktion für vulnerable Kinder und Familien. Insbesondere sind sie aber Vertrauensperson für die kleinen und großen Sorgen und Nöte der Schülerinnen und Schüler.
Aufgabenbereiche von School Nurses im internationalen Vergleich (Deutschland - Schweden - USA)

Quelle: Brandao SCT, Vey D, Herrgen J, Maulbecker-Armstrong C (2020): Kompetenzprofil Schulgesundheitsfachkräfte im internationalen Vergleich. Praxis Pflege 12(3): 45-52.
Internationale Erfahrungen belegen die Wirksamkeit dieses Modells. In den USA, Skandinavien und Großbritannien sind School Nurses seit Jahrzehnten etabliert und tragen nachweislich zur Verbesserung von Gesundheit, Teilhabe und dem Bildungserfolg bei.
Auch deutsche Modellprojekte zeigen deutliche Effekte wie den Rückgang der Rettungswageneinsätze um bis zu 64 % und eine Reduktion der Unfallkosten um rund 20 % in Schulen mit Schulgesundheitsfachkräften/School Nurses. Das Schulklima wurde verbessert und Lehrkräfte und Eltern beschreiben eine deutliche Entlastung. Zudem zeigte sich eine Stärkung der Gesundheitskompetenz bei den Kindern. (Maulbecker‑Armstrong et al., 2023).
Reduktion der Rettungswageneinsätze nach Unfallgeschehen durch School Nurses/Schulgesundheitsfachkräfte (SGFK) (Brandenburg/Hessen)

Daten: Unfallkasse Hessen 2020, Unfallkassen Brandenburg 2020
Gesundheitsbezogene Outcomes
Im Hinblick auf die Effekte und gesundheitsbezogenen Outcomes für die Schülerinnen und Schüler kommt der Bereich Pflegewissenschaften der Charité in einem weiteren Gutachten zu folgenden Ergebnissen: 75 Prozent der Schülerinnen und Schüler besuchten die Schulgesundheitsfachkraft/School Nurse, ebenfalls 75 Prozent fühlten sich nach dem Besuch besser. Die Schülerinnen und Schüler haben Vertrauen zur Schulgesundheitsfachkraft/School Nurse und fühlen sich besser über Gesundheit informiert. 60 Prozent achten mehr auf gesunde Ernährung, 40 Prozent trinken weniger süße Getränke, 30 Prozent nutzen weniger Medien, 60 Prozent bewegen sich öfter und mehr als 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben häufiger an Veranstaltungen zur Gesundheit teilgenommen. (Tannen A, Adam Y, Ebert J, Ewers M. (2018)
Messung gesundheitsbezogener Outcomes und gesundheitsrelevanter Effekte durch den Einsatz von Schulgesundheitsfachkräften (Charité Berlin)

Tannen A. Adam Y. Ebert. Ewers . (2018) Schuldesundhe teollece an alloemeint denden Schulen
Insgesamt tragen Schulgesundheitsfachkäfte/School Nurses dazu bei, dass Schülerinnen und Schüler nicht nur Wissen erwerben, sondern es auch anwenden, d.h. gesund aufwachsen und lernen können.
Betreuungsschlüssel
Die Aufgaben und die Zahl der zu betreuenden Schülerinnen und Schüler sind international betrachtet sehr unterschiedlich. So reicht der Betreuungsschlüssel abhängig vom Tätigkeitsprofil von 1: 600 in Schweden und Finnland bis hin zu 1:1025 in Australien.
Basierend auf internationalen Erfahrungen, dem Tätigkeitsprofil und den nationalen Modellprojekten wird ein Stellenschlüssel von 1:700 als Orientierungsrahmen empfohlen, der jedoch kontextabhängig angepasst werden sollte. (Maulbecker-Armstrong C, Schulenberg D, Binder D (Hg) 2020)
Im Hinblick auf den ländlichen Raum, in dem in vielen Schulen eine entsprechende Zahl von Schülerinnen und Schülern nicht erreicht wird, ist ein zusätzlicher Einsatz der School Nurses im Feld des Community Health Nursing (CHN) denkbar.
Qualifikation und Weiterbildung
Die Basisqualifikation umfasst eine abgeschlossene Ausbildung als Gesundheits‑ und (Kinder‑) Krankenpfleger/in sowie mindestens drei Jahre Berufserfahrung. Die Weiterbildung zur Schulgesundheitsfachkraft (Certificate of Advanced Studies) an der Evangelischen Hochschule Hessen umfasst 632 Unterrichtseinheiten in den Modulen: Schule als pflegerisches Handlungsfeld; Gesundheit und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen; Gesundheitsförderung, Prävention und Projektarbeit.
Damit entsteht ein eigenständiges Berufsprofil mit multiprofessioneller Kompetenz.
Netzwerk einer Schulgesundheitsfachkraft (schulintern und kommunal)

Abbildung: SGFK Hessen Heusenstamm Quelle: DGUVI 202-116
Gesundheitsökonomische Perspektive
Eine Kosten‑Nutzen‑Analyse zeigt den hohen gesellschaftlichen Wert von SGFK. Der Einsatz von Schulgesundheitsfachkräften in der Lebenslaufperspektive der Schülerinnen und Schüler führt zu einem hohem Earn-Back Effekt. Für zwei Fallkonstellationen wurden diese Effekte exemplarisch berechnet. Bei Diabetes mellitus Typ 1 ergibt sich bei 1 € Investition ein gesellschaftlicher Nutzen von 35 €. Bei psychischen Erkrankungen liegt der gesellschaftliche Nutzen sogar bei 43 € (Meier‑Gräwe & Maulbecker‑Armstrong, 2025).
School Nursing ist damit ein präventives Investitionsmodell, das Bildungsbiographien stabilisiert, Eltern und Arbeitgeber entlastet und somit langfristig Kosten sektorübergreifend im Gesundheits‑ und Sozialsystem reduziert.
Dokumentation und Qualitätssicherung
Zur bundesweiten Standardisierung wird derzeit ein digitales Dokumentations‑ und Managementsystem (SHPro) entwickelt, gefördert durch den Bosch Health Campus. Es ermöglicht eine einheitliche Erfassung, Auswertung und Qualitätssicherung der Arbeit von Schulgesundheitsfachkräften/School Nurses – ein entscheidender Schritt zur Professionalisierung und wissenschaftlichen Begleitforschung. Darüber hinaus wird ein wichtiger Beitrag zur Gesundheitsberichterstattung zur gesundheitlichen Lage von Kindern und Jugendlichen im Schulalter geleistet.
Internationale und nationale Entwicklungen
Während Länder wie Schweden, Großbritannien und die USA School Nurses flächendeckend etabliert haben, arbeiten in Deutschland bislang rund 146 Schulgesundheitsfachkräfte (SGFK) (Stand Januar 2026). Der Deutsche Pflegerat (2026) fordert eine gesetzliche Verankerung, dauerhafte Finanzierung und einheitliche Qualifikationsstandards. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft und weitere Fachverbände, aber auch die Elternbeiräte und Schülervertretunge betonen die Bedeutung für Inklusion und Bildungsgerechtigkeit und fordern die Einführung von School Nurses/Schulgesundheitsfachkräften.
Aktueller Stand des Einsatzes von School Nurses in Deutschland

*An den meisten privaten Schulen in Deutschland sind School Nurses etabliert. Diese wurden in der Aufstellung nicht berücksichtigt. Darunter fallen auch die Dänische Schulen in Schleswig-Holstein mit 9 SGFK und 4 Ärztinnen, die 50 Schulen und 50 Kitas der dänischen Minderheit mobil betreuen.
Beyer-Lichtblau B et al. (2026) Expertenbericht
Perspektiven und Herausforderungen
Für eine nachhaltige Etablierung gilt es die sozialrechtliche Fragmentierung zu überwinden und heilberufsrechtliche Rahmenbedingungen für eine autonome Pflegepraxis der Schulgesundheitsfachkräfte/School Nurses im Setting Schule zu schaffen. Darüber hinaus sind eine Definition pflegesensitiver Ergebnisindikatoren sowie die Verstetigung der wissenschaftlichen Begleitforschung dringend erforderlich. Um dies zu forcieren braucht es den Aufbau eines Nationalen Zentrums für Schulgesundheitspflege. Damit kann die Schulgesundheitspflege zu einem integralen Bestandteil des deutschen Bildungssystems werden.
Fazit
Das Setting Schule bietet eine einzigartige Chance zur Neuausrichtung der Kinder‑ und Jugendgesundheit. Schulgesundheitsfachkräfte/School Nurses verbinden Prävention, Pflege und Pädagogik – sie sind Wegbereiter einer neuen Gesundheitskultur im Bildungswesen. Die Frage „Brauchen wir eine School Nurse?“ lässt sich eindeutig beantworten: Ja – als Investition in Bildungsgerechtigkeit, Gesundheit und Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.

Prof. Dr. rer. nat. Catharina Maulbecker-Armstrong
Catharina Maulbecker-Armstrong ist Professorin für Medizinisches Management im Fachbereich Gesundheit der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM)
Von 2010-2017 war sie als Regierungsdirektorin und Referatsleiterin zuständig für Prävention und Gesundheitsförderung am Hessischen Ministerium für Soziales und Integration (HMSI) in Wiesbaden. Zu Ihren Aufgaben zählte die Umsetzung des Präventionsgesetzes in Hessen, der 1. Hessische Gesundheitsbericht und den Aufbau des Krebsregisters. Zu Ihren Programmen und Projekten gehörten Bewegungsparcours, die Krebspräventionskampagne DU BIST KOSTBAR und die Einführung von Schulgesundheitsfachkräften
Davor arbeitete Sie für McKinsey & Company in Zürich und in Frankfurt.1998 gründete sie das Start-up GETWELLNESS AG in Basel „Hausarzt in der Westentasche und digitale Gesundheitsakte“ und wurde dafür Business Woman of the Year in der Schweiz 2002.
Catharina Maulbecker-Armstrong ist in Darmstadt geboren und aufgewachsen in Hanau und hat an der EBERHARD-KARLS-UNIVERSITÄT in Tübingen das Studium der Biologie, Chemie und Biochemie absolviert, gefolgt von der Promotion an der UNIVERSITY OF CALIFORNIA, Berkeley. zum Thema Tumorviren und Krebsforschung. Am MAX-PLANCK-INSTITUT für Biophysikalische Chemie in Göttingen arbeitete Sie als Wissenschaftlerin in der Arbeitsgruppe von Professor Peter Gruss mit dem Schwerpunkt Entwicklungsbiologie und Onkogenese.
Catharina Maulbecker-Armstrong lebt in Oberursel und hat drei Kinder. Ehrenamtlich engagiert Sie sich als Vorstand der Hessischen Krebsgesellschaft und als Mitglied der HAGE e.V.
Foto: Pressestelle der THM, Gießen

Dieter Schulenberg
Dieter Schulenberg, Jahrgang 1954, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt zur Gründung eines Nationalen Zentrums Schulgesundheitspflege an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen, Fachbereich Gesundheit. Seit 04/2020 engagiert er sich in seiner nachberuflichen Lebensphase für die weitere Verstetigung von Schulgesundheitsfachkräften in Hessen und Deutschland.
Sein Studium absolvierte er an der Fachhochschule für Sozialwesen in Bremen und schloss dieses mit dem Diplom zum Sozialarbeiter ab. Nach fünfjähriger Tätigkeit in der stationären Psychiatrie- und Suchtarbeit hat er für die Arbeiterwohlfahrt eine Übergangseinrichtung für Suchtkranke konzipiert und geleitet. Seine Tätigkeit für die Deutsche Krebsgesellschaft führte ihn im Jahr 2000 nach Hessen. Dort war er u. a. an der Entwicklung von Leitlinien in der Onkologie, einem Projekt zur Qualitätssicherung in der Palliativmedizin, und der Entwicklung des Zertifizierungsverfahrens von Brustzentren als Projektkoordinator beteiligt. Zwischen 2004 und 2012 arbeitete er in der Geschäftsführung der AIDS-Hilfe Wiesbaden. Professionalisierung und Weiterentwicklung der Arbeit, sowie die Vernetzung in der Landeshauptstadt waren hier neben der Prävention Schwerpunkte seiner Tätigkeit. Als Geschäftsführer der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung (2012-2020) hat er wesentliche Akzente für die Gesundheitsförderung in Hessen gesetzt u.a. das Modellprojekt zur Einführung von Schulgesundheitsfachkräften initiiert und erfolgreich umgesetzt.
Literaturverzeichnis
Maulbecker-Armstrong C, Schulenberg D, Binder D (Hg) (2020): Gutachterliche Stellungnahme zu organisatorischen Rahmenbedingungen und ökonomischen Aspekten der Arbeit von Schulgesundheitsfachkräften.
Maulbecker‑Armstrong C, Schulenberg D, Vey D (2023): Deutschland holt auf: Schulgesundheitspflege. Die Schwester | Der Pfleger 1(24): 22–26.
Beyer‑Lichtblau B et al. (2026): Verantwortung für die Zukunft von Kindern und Jugendlichen – Investment in die Schulgesundheitspflege. Expertenbericht, BeKD e. V., Hannover.
Meier‑Gräwe U, Maulbecker‑Armstrong C (2025): Gesundheitsökonomische Wertschöpfung durch Schulgesundheitsfachkräfte. THM-Gutachten
Brandao SCT, Vey D, Herrgen J, Maulbecker‑Armstrong C (2020): Kompetenzprofil Schulgesundheitsfachkräfte im internationalen Vergleich. Praxis Pflege 12(3): 45–52.
Stiftung Kindergesundheit (2024): Kinder‑Gesundheitsbericht – Fokus Schule und Gesundheit. München
Tannen A, Adam Y, Ebert J, Ewers M. (2018) Schulgesundheitspflege an allgemeinbildenden Schulen: SPLASH Teil 2: Implementationsbegleitung und Wirkungsanalyse
Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e.V. (DGUV). DGUV (2021) Information 202-116 – Einsatz von Schulgesundheitsfachkräften
