Verständnis von Altern in seiner Verletzlichkeit und Potenzialität

Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Kruse, Seniorprofessor, Institut für Gerontologie, Universität Heidelberg

Der Beitrag nimmt zunächst eine Umschreibung des Alterns als mehrdimensionales, dynamisches Geschehen vor. Dabei wird zwischen fünf Dimensionen differenziert, in denen Entwicklung im Altern untersucht werden muss, um zu einem ausreichend umfassenden Verständnis von Altern zu gelangen. In einem weiteren Schritt thematisiert der Beitrag Aspekte der Verletzlichkeit im hohen Alter, wobei die Zunahme an Verletzlichkeit primär als graduelles Geschehen und nicht als abrupt einsetzende Veränderung verstanden wird. Es wird angenommen, dass trotz erhöhter Verletzlichkeit die Selbstgestaltung von Entwicklung möglich ist; in der fortgesetzten Selbstgestaltung wird ein Potenzial des Alters gesehen. In einem weiteren Schritt wird der seelisch-geistige Potenzialbegriff weiter ausgeführt; vier Potenziale des Alters – nämlich Introversion mit Introspektion, Offenheit, schöpferische Sorge, Wissensweitergabe – werden vorgestellt und diskutiert. Der Beitrag konzentriert sich danach auf die biografische Perspektive des Alterns, die vor allem mit Blick auf die „existenziellen Fühlungen“ entfaltet wird; es sind – so lautet die Annahme – gerade diese in der Biografie aufgetretenen existenziellen Fühlungen, die im Lebensrückblick thematisch werden. Abschließend wird auf die schöpferische Sorge als „Bindeglied“ von Verletzlichkeit einerseits und Potenzialverwirklichung andererseits eingegangen. Es wird angenommen, dass im Falle gegebener Verletzlichkeit die Möglichkeit zu praktizierter Sorge zusätzlich an Gewicht für die Potenzialverwirklichung im Alter gewinnt.

Das Altern begreife ich als einen physischen, psychischen, kognitiven, existenziellen und sozialen Prozess. Die hier genannten fünf Dimensionen des Alterns weisen eine je eigene Dynamik, das heißt, eigene Entwicklungsgesetze auf. Daraus folgt, dass wir das Altern einer Person erst dann angemessen erfassen und beschreiben, wenn wir die Entwicklungsdynamiken der einzelnen Dimensionen differenziert abgebildet und deren Wechselwirkung angemessen charakterisiert haben. Wir neigen vielfach dazu, das Altern vor allem oder sogar allein aus einer physischen und kognitiven Perspektive zu betrachten; wobei wir in diese Perspektive die „Funktionalität“ einbeziehen, das heißt, die spezifischen körperlichen und kognitiven Funktionen wie auch die alltagspraktischen Funktionen und Fertigkeiten, die aus den körperlichen und kognitiven Funktionen – wie auch aus der physischen und kognitiven Leistungsfähigkeit – erwachsen. So wichtig die beiden genannten Dimensionen (die körperliche, die kognitive) sind, so wichtig es ist, die aus diesen abgeleitete Funktionalität ausführlich zu würdigen – entscheidet diese doch über den Grad der Selbstständigkeit im Alltag mit –, so sehr bedeutete es eine Einengung der Analyseperspektiven, wenn wir uns ausschließlich auf diese beiden Dimensionen konzentrieren würden. Wir müssen die Psyche, die Existenz, die Begegnungen, also die psychische, die existenzielle, die sozialkommunikative Dimension ebenfalls explizit berücksichtigen; sie stehen in ihrer Bedeutung gleichberechtigt neben der physischen und kognitiven. Die psychische Dimension umfasst die Gefühle, die Motive, die Wertbildungen der Person (letztere sind intensiv mit Gefühlen assoziiert) und schließlich deren Eigenschaften; in ihrer Gesamtheit konstituieren diese Merkmale zentrale Aspekte des Selbstkonzepts und damit der Identität der Person. Auch wenn in der psychischen Dimension mit zunehmendem Lebensalter eine wachsende Kontinuität besteht, so handelt es sich doch immer um eine Kontinuität im Wandel. Zentrale Lebensthemen, zentrale Motive und Werte verändern sich in den späteren Lebensaltern nicht grundlegend, sondern nur im Hinblick auf Ausprägung und Prägnanz („Wandel“); auch im Falle größerer Belastungen treten – nach einer Phase der erlebten Krise – die in der Biografie zentralen Themen, Motive und Werte wieder stärker in das Zentrum des Bewusstseins. Dabei ist die Fähigkeit, Belastungen innerlich (also mit Blick auf die seelisch-geistige Situation oder die Befindlichkeit) zu verarbeiten und äußerlich (also mit Blick auf die gegebenen Lebensbedingungen) zu bewältigen, vielfach als eine große psychologische Leistung zu deuten; diese zeigt sich auch in der (weitgehenden) Wiederherstellung der vor dem Auftreten der Belastungen bestehenden oder sogar weiter differenzierten Themen-, Motiv- und Wertstruktur. Die existenzielle Dimension verstehe ich – in Anlehnung an Viktor Frankls Existenzpsychologie (1972) – als innere Haltung des Menschen zu seiner Existenz, als eine produktive Selbst-Distanzierung des Menschen von der bestehenden inneren und äußeren Situation, als seine Fähigkeit, mit einem „Dennoch“ zu antworten, die innere Freiheit zu „ergreifen“. Diese Haltung ist, folgen wir Arbeiten zur Existenzphilosophie von Karl Jaspers (1973), vor allem in Grenzsituationen unseres Lebens – die wir durch unser Handeln nicht mehr verändern können – essenziell. Die sozialkommunikative Dimension schließlich beschreibt die Gestaltung unserer Beziehungen – vor allem zum Nahumfeld – sowie den Grad innerer Zufriedenheit mit den bestehenden Beziehungen. Hier hat auch die Übernahme von Mitverantwortung für andere Menschen ihren Platz. – Ich habe die Mehrdimensionalität von Altern deswegen ausführlicher charakterisiert und an den Beginn meines Beitrags gestellt, weil deutlich werden sollte, wie komplex das personale Geschehen ist, das wir mit Altern umschreiben, das heißt, wie viele Aspekte (Merkmale) der Person zu berücksichtigen sind, wenn wir eine Aussage über den „Entwicklungsstand“ (oder das Entwicklungsniveau) eines Menschen treffen wollen. Zudem ist die Mehrdimensionalität bei der Konzeption aller Formen von Intervention zu berücksichtigen; hier sehe ich enge Beziehungen zu dem von Viktor von Weizsäcker (1950) eingeführten Subjektbegriff in die Medizin wie auch in die von ihm eingeführte biografische Dimension in die Medizin. Mit der biografischen Dimension werden Dynamik und Kontinuität (gegebenenfalls von Diskontinuitäten – „Krisen“ – unterbrochen) berücksichtigt, die auch für mein Verständnis von Altern wichtig sind.

Wie ist Verletzlichkeit im hohen Alter zu verstehen, durch welche Merkmale zeichnet sich diese aus? Vor dem Hintergrund der mittlerweile umfangreichen empirischen Literatur zum hohen Alter (siehe den Überblick in Bauer, Becker, Denkinger et al., 2024) ist davon auszugehen, dass sich im Verlauf des neunten Lebensjahrzehnts der Übergang vom höheren („dritten“) zum hohen („vierten“) Alter allmählich, fließend, kontinuierlich vollzieht (Kruse, 2017). Dabei ist das neunte Lebensjahrzehnt nicht als ein Jahrzehnt zu begreifen, in dem körperliche und psychische Erkrankungen notwendigerweise plötzlich, abrupt über das Individuum hereinbrechen. Vielmehr ist im neunten Lebensjahrzehnt eine graduell zunehmende Anfälligkeit des Menschen für neue Erkrankungen und funktionelle Einbußen ebenso erkennbar wie die graduelle Zunahme in der Schwere bereits bestehender Erkrankungen und bereits bestehender funktioneller Einbußen (Fried et al., 2001; RKI, 2023; WHO, 2020). Damit ist ein wichtiges Merkmal des hohen Alters beschrieben, das auch im Erleben der Menschen dominiert: Die allmählich spürbare Zunahme an Krankheitssymptomen, die allmählich spürbaren Einbußen in der körperlichen, zum Teil auch in der kognitiven Leistungsfähigkeit, schließlich die allmählich spürbaren Einschränkungen in alltagsbezogenen Fertigkeiten werden vom Individuum im Sinne der erhöhten Verletzlichkeit erlebt und gedeutet (Clegg et al., 2013). Verletzlichkeit heißt dabei nicht Gebrechlichkeit; letztere ist vielmehr Folge ersterer. Verletzlichkeit lässt sich auch nicht mit den medizinischen Begriffen Multimorbidität und Polysymptomatik angemessen umschreiben. Vielmehr meint Verletzlichkeit eine erhöhte Anfälligkeit und Verwundbarkeit, mithin das deutlichere Hervortreten von Schwächen, meint verringerte Potenziale zur Abwehr, Kompensation und Überwindung dieser körperlichen und kognitiven Schwächen. Die objektiv messbare wie auch die subjektiv erlebte Verletzlichkeit tritt zu interindividuell unterschiedlichen Zeitpunkten im neunten Lebensjahrzehnt auf; sie kann sich bei dem einen sogar noch später (also erst im zehnten Lebensjahrzehnt), bei dem anderen sogar noch früher (also schon im achten Lebensjahrzehnt) einstellen. Entscheidend ist, dass im Verlauf des neunten Lebensjahrzehnts bei der Mehrzahl alter Menschen eine derartige erhöhte Verletzlichkeit objektiv nachweisbar ist und subjektiv auch als eine solche empfunden wird.

Mit dem Hinweis auf die erhöhte Verletzlichkeit wird angedeutet, dass im hohen Lebensalter ein Merkmal der Conditio humana – nämlich die grundsätzliche Verwundbarkeit – noch einmal stärker in das Zentrum tritt, dabei auch in das Zentrum des Erlebens (Rentsch, 2020). Mit diesem Hinweis wird die vielfach vorgenommene, strikte Trennung zwischen drittem und viertem Lebensalter relativiert: Es ist nicht so, dass das dritte Lebensalter ganz unter dem Zeichen erhaltener körperlicher, kognitiver und sozioemotionaler Kompetenz, das vierte Lebensalter hingegen ganz unter dem Zeichen verloren gegangener körperlicher, kognitiver und sozioemotionaler Kompetenz (im Sinne eines modus deficiens) stünde. Vielmehr finden wir auch im dritten Alter graduelle Verluste und damit allmählich stärker werdende Schwächen, die in summa auf eine erhöhte Verletzlichkeit des Menschen deuten; und im vierten Alter sind vielfach seelische, geistige, sozioemotionale und sozialkommunikative Ressourcen zu beobachten, die das Individuum in die Lage versetzen, ein schöpferisches, persönlich sinnerfülltes und stimmiges Leben zu führen – dies auch in gesundheitlichen Grenzsituationen (Brothers et al., 2016).

Allerdings darf gerade mit Blick auf die Verletzlichkeit des alten Menschen nicht übersehen werden, dass sich im Falle körperlicher, möglicherweise auch kognitiver und sozialer Verluste Auswirkungen auf den Grad und die Art der Offenheit ergeben. Die Fähigkeit, sich auf sich selbst zu besinnen, sich konzentriert dem eigenen Selbst zuzuwenden und damit Entwicklungsprozesse des Selbst anzustoßen, ebenso wie die Fähigkeit und Bereitschaft, sich auf die Welt zu konzentrieren, diese in ihrer anregenden, motivierenden und unterstützenden Qualität wahrzunehmen und zu nutzen, kann in Phasen vermehrten Schmerzerlebens, in Phasen vermehrter funktionaler Beeinträchtigung, in Phasen verstärkter Einsamkeit erkennbar zurückgehen. Dabei ist zu bedenken, dass es sich hier vielfach um Phasen des Rückzugs von der Welt, um Phasen der subjektiven Entfremdung („ich finde mich nicht mehr“, „ich kann mich selbst nicht mehr erkennen“, „ich bin mir selbst fremd geworden“) handelt, die wieder einer stärkeren Öffnung nach außen und nach innen weichen, wenn körperliche und kognitive Krankheitssymptome kontrolliert und gelindert werden, vor allem, wenn sich Möglichkeiten eines fruchtbaren, anregenden und motivierenden Austauschs mit anderen Menschen ergeben – auch hier zeigt sich die Notwendigkeit einer wahrhaftigen, offenen und mitfühlenden Kommunikation sehr deutlich.

Mit den Hinweisen auf die Offenheit in Phasen erlebter Verletzlichkeit sind bereits Potenziale ihrer inneren Überwindung angesprochen. „Innere Überwindung“ meint hier die Fähigkeit der Person, die eigene Verletzlichkeit anzunehmen und sie als Teil der – wie ich es nennen möchte – „persönlich gelebten Conditio humana“ zu verstehen. Dies heißt nicht, dass die Person auf Möglichkeiten der instrumentellen, also fachlichen Unterstützung zur Linderung von Verletzlichkeit (verbunden mit einer Kontrolle körperlicher und psychischer Symptome) verzichten würde und könnte. Doch über diese Unterstützung hinaus ergibt sich auch die Anforderung, zu einer inneren Annahme jener Zeichen von Verletzlichkeit zu finden, die nicht rückgängig gemacht, die nicht kontrolliert werden können. Dabei können im inneren Prozess der Verarbeitung von Verletzlichkeit durchaus seelisch-geistige Potenziale erkennbar werden, die auf eine hohe Anpassungskapazität wie auch auf schöpferische Kräfte des Seele-Geist-Komplexes hinweisen (grundlegend dazu Kruse, 2023). Es sind dies Potenziale, also noch nicht vollzogene Entwicklungsschritte. Wenn hier von Potenzialen gesprochen wird, so heißt dies: Es müssen innere (personale) und äußere (Lebenslage und Umwelt bezogene) Bedingungen gegeben sein, die die Verwirklichung von Potenzialen fördern. Wir haben uns in unserer Forschung intensiv mit der Frage befasst, welche Bedeutung die erlebte und die praktizierte Sorge für andere Menschen – vor allem für junge Menschen – für die Verwirklichung derartiger Potenziale besitzen. Die Befundlage ist hier sehr deutlich: In dem Maße, in dem alte Menschen die Möglichkeit haben und nutzen, sich – in schöpferischer Weise – sorgend anderen Menschen, vor allem jungen Menschen, zuzuwenden (und zwar im Sinne seelisch und geistig oder aber instrumentell und materiell orientierter Sorge), wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sich im Alter selbst wie auch in der inneren Auseinandersetzung mit Verletzlichkeit seelisch-geistige Potenziale verwirklichen (Kruse, 2016; Kruse & Schmitt, 2015). Mit anderen Worten: Die erlebte und praktizierte, schöpferische Sorge bildet ein zentrales Glied zwischen Verletzlichkeit einerseits und Reife andererseits (Kruse, 2017).

Ich spreche vom „Seele-Geist-Komplex“, wobei ich mit „Komplex“ andeute, dass Seele und Geist eine Vielzahl von Ausdrucksformen zeigen; Michael Welker (2021) verdanken wir die gelungene Umschreibung dieser Vielzahl von Ausdrucksformen mit „Polyphonie des Geistes“. Die Beschäftigung mit der inneren Überwindung von Verletzlichkeit im hohen Alter erfordert ein weiteres Nachdenken über den Seele-Geist-Komplex. Seele-Geist beschreibt nicht allein den Komplex der Interaktion von Emotion, Motivation, Kognition im Kontext eines spezifischen, teils stabilen, teils dynamischen Persönlichkeitsgefüges. Er beschreibt auch die Offenheit für Geistiges, welches über das Fühlen, über den Antrieb, über das Denken und Problemlösen hinausgeht. In den von uns geführten Explorationen mit insgesamt N= 800 Personen im Alter von 75 bis 98 Jahren (geführt in zwei getrennten Untersuchungen mit jeweils N= 400 Personen) zur „daseinsthematischen Struktur“ (verstanden als Komplex von Lebensthemen, die für das Individuum leitend sind) wurden von nicht wenigen Untersuchungsteilnehmern/innen die Themen Spiritualität und Religiosität ausgeführt (siehe dazu Beiträge in Kruse & Schmitt, 2022). Bei der Ausführung dieser Themen in den Explorationen war erkennbar, dass Spiritualität und Religiosität im Sinne der Erfahrung des Umgreifenden (Spiritualität) oder der Erfahrung des Geistes Gottes, der uns umgibt und inspiriert (Religiosität), gedeutet werden.

An sich
von Paul Fleming (1609-1640)

„Sei dennoch unverzagt, gib dennoch unverloren
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid
Erfreue dich an dir und acht es für kein Leid
Hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.
Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren
Nimm dein Verhängnis an, lass alles unbereut
Tut was getan muss sein und eh man dir’s gebeut
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.
Was lobt, was klagt man doch?
Sein Unglück und sein Glücke
Ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an
Dies alles ist in dir. Lass deinen eitlen Wahn.
Und eh du fürder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann
Dem ist die weite Welt und alles untertan.“

In diesem Gedicht wird zunächst eine bestimmte – man könnte sagen: gefasste und akzeptierende – Haltung der Person gegenüber der gegebenen Situation akzentuiert, in einem weiteren Schritt wird das innere Fundament dieser Haltung genannt. Einer von mir vorgeschlagenen Terminologie folgend (Kruse, 2017) könnte man hier von „Introversion mit Introspektion“ sprechen, mithin von einer Konzentration auf die innerseelischen Prozesse („Introversion“), die ihrerseits mit einer Akkumulation von Lebenswissen („Introspektion“) verbunden ist. Die im Gedicht angesprochene Lebenshaltung lässt sich im Sinne der Selbstvergewisserung der Person, aber auch im Sinne der Identitätsbildung im Lebenslauf beschreiben. Die Fähigkeit, auf sich selbst zu blicken, sich selbst zu erkennen und anzunehmen, das eigene Leben – ausdrücklich auch in seiner Begrenztheit – zu bejahen, anderen Menschen ihr Glück zu gönnen und damit fern vom Neid zu stehen, sich auf die eigenen seelischen und geistigen Kräfte zu besinnen, ohne sich dabei zu überhöhen: Dies sind zentrale Merkmale der Identität, wobei hier Identität nicht als ein einmal erreichter und sich nicht mehr differenzierender Entwicklungszustand im jüngeren Erwachsenenalter verstanden wird, sondern vielmehr als ein dynamisches Geschehen, das in seinem weiteren Verlauf von den Erlebnissen und Erfahrungen des Individuums, von dessen ausgebildeten und im Alltag umgesetzten Ressourcen, von dessen Daseinsthemen (als zentralen Themen und Anliegen) sowie von dessen Lebensbedingungen beeinflusst ist. In dem von Paul Fleming verfassten Gedicht scheint die Identität an mehreren Stellen im thematischen Kontext der Integrität auf, wenn nämlich die Fähigkeit des Menschen, sein Leben zu bejahen (in seinem Glück ebenso wie in seinem Leid), betont wird. Zugleich beschreibt dieses Gedicht die Notwendigkeit der Offenheit des Menschen für neue Eindrücke, Erlebnisse und Erfahrungen, es bleibt also nicht beim Lebensrückblick stehen, sondern verbindet diesen mit der Gegenwarts- und Zukunftsperspektive: Inwiefern bietet sich der Person, inwiefern nutzt sie die Gelegenheit, die in der Gegenwart und Zukunft liegenden Möglichkeiten zur sinnerfüllten, schöpferischen Lebensgestaltung zu nutzen? Diese Verbindung von Lebensrückblick mit Gegenwarts- und Zukunftsperspektive bildet einen Gedanken, der für das Verständnis der Auseinandersetzung mit Anforderungen im Alter (aber auch schon in den vorangehenden Lebensaltern) wichtig ist: Der Rückblick auf die Geschichte verarbeiteter und bewältigter wie auch nicht verarbeiteter und nicht bewältigter Ereignisse, verbunden mit der Annehmen der bislang gelebten Biografie, stellt eine bedeutende psychische Zäsur dar und bildet sowohl Ergebnis als auch Grundlage der Offenheit der Person für gegenwärtige und zukünftige Anforderungen (vgl. Erikson, Kivnick & Erikson, 1986) sowie für in der Gegenwart und Zukunft liegende Möglichkeiten, das eigene Leben als stimmig zu erfahren (vgl. Thomae, 1968).

Das hohe Alter ist nicht im Sinne eines „modus deficiens“ zu deuten, das heißt, als ein Prozess, in dem alle Funktionen des Bios – körperliche, sensomotorische, kognitive, alltagspraktische, emotionale und sozialkommunikative – von mehr oder minder starken Verlusten bestimmt wären. Eine derartige Sicht des Alterns – die dieses ausschließlich als einen verlustbezogenen Prozess versteht – lässt sich im Kontext multidisziplinärer Wissenskorpora nicht empirisch fundiert vertreten. Diese zu korrigierende Sicht verdankt sich auch einer fehlerhaften Deutung genetischer Einflüsse auf das Altern: Diese ließ sich (a) von der Vorstellung leiten, dass das Altern ein streng genetisch kontrolliertes Geschehen darstelle, und (b) von der Annahme, dass das genetische Material mit zunehmendem Lebensalter die Handlungsmöglichkeiten (oder Freiheitsgrade) immer weiter einschränke, weil sich in ihm selbst im Lebenslauf immer mehr Fehler häufen. Diese beiden Vorstellungen sind wie folgt zu korrigieren: (a) Der Alternsprozess resultiert in seiner spezifischen – individuellen – Form aus einer lebenslangen, sich auch im hohen Alter fortsetzenden Interaktion genetischer, umweltbezogener, personenbezogener und situativer Merkmale. Die individuellen Unterschiede in der Art und Weise, wie sich „das Altern“ körperlich, seelisch und geistig „darlebt“, sind auf Unterschiede in den spezifischen Konstellationen und Interaktionen dieser Merkmale zurückzuführen. (b) Das genetische Material ist keinesfalls nur unter dem Aspekt der „Grenzen“ von Erlebens- und Handlungsmöglichkeiten, sondern auch unter dem Aspekt der Schaffung (Herstellung, Erzeugung) solcher Möglichkeiten zu betrachten. Anders ausgedrückt: Das genetische Material zieht nicht nur Grenzen, sondern erzeugt auch Potenziale, wenn es denn gelingt, den Bios bis in das hohe Alter in einer seinen Möglichkeiten entsprechenden Art und Weise zu stimulieren und zu fördern.

Dabei kann für das Verständnis von Entwicklung im hohen Alter nicht deutlich genug betont werden, dass diese in den einzelnen Funktionen unterschiedlichen Entwicklungsgesetzen folgt: Entwicklung ist demnach kein homogenes Geschehen mit geringer intraindividueller Variabilität (das heißt: alle Funktionen entwickeln sich in ganz ähnliche – nämlich negativ konnotierte – Richtung), sondern vielmehr ein ungemein heterogenes, differenzielles Geschehen mit hoher intraindividueller und zudem interindividueller Variabilität. Daraus folgt, und dies ist nicht nur für die Forschung, sondern auch für die Ansprache alter Menschen wichtig, dass wir sowohl Verletzlichkeit und Verluste in einzelnen Funktionen als auch Ressourcen (Stärken) und Potenziale (Entwicklungsmöglichkeiten) in anderen Funktionen im Auge haben müssen. Dies heißt auch: So wie es fehlerhaft wäre, würden wir das Altern eines Individuums nur unter dem Aspekt der Verletzlichkeit und der Verluste betrachten, wäre es in gleichem Maße fehlerhaft, würden wir Altern nur als Gewinn, also als Verwirklichung gegebener Ressourcen und Potenziale deuten. Beide Aspekte – Verletzlichkeit und Reife – sind zu bedenken, und dies nicht in apodiktischer Weise des „nur verletzlichen“ vs. des „nur mit Ressourcen und Potenzialen ausgestatteten“ Bios.

Meine diesen Abschnitt einführende Aussage geht noch einen Schritt weiter: Wir verhalten uns nicht einfach nur zur Verletzlichkeit und zu den Verlusten wie auch zu den Ressourcen und Potenzialen, sondern wir sollten diese als Grundlage für die Selbstgestaltung von Entwicklung betrachten; und wir tun dies häufig auch (vielleicht ohne darüber bewusst zu reflektieren). Die Selbstgestaltung von Entwicklung ist dabei nicht nur eine „Aufgabe“ und „Chance“ der früheren, sondern in gleichem Maße auch der späteren Lebensjahre. Dabei schließt Selbstgestaltung auch eine „retrospektiv orientierte“ Komponente ein: wenn es nämlich darum geht, die persönliche Lebensgeschichte (Biografie) neu zu ordnen, neu zu bewerten, in Teilen zu rekonstruieren, und dies auch unter sittlich-normativen Gesichtspunkten. Selbstgestaltung schließt somit nicht nur Gegenwart und Zukunft, sondern auch Vergangenheit mit ein (Lehr, 1987).

Bei der Umsetzung dieser Aufgabe der Selbstgestaltung sind wir auf eine inspirierende, motivierende und anteilnehmende soziale Nahumwelt angewiesen; zudem gewinnt hier die entwicklungsförderliche institutionelle Umwelt große Bedeutung. Wenn diese positiven Kontextbedingungen gegeben sind und die Person in ihrem Lebenslauf offen für neue Entwicklungsaufgaben und Anregungen gewesen ist, dann kann es ihr durchaus gelingen, in Phasen deutlich erhöhter Verletzlichkeit wie auch in der Konfrontation mit gesundheitlichen und sozialen Verlusten zu „reifen“, das heißt seelisch-geistige Potenziale zu verwirklichen. Entscheidend ist hier die Offenheit der Person für derartige Potenziale; entscheidend ist auch eine entsprechende Wahrnehmung und Ansprache alter Menschen innerhalb unserer Gesellschaft und Kultur sowie in den individuellen Sozialkontexten. Sehr anschaulich hat dies schon früh der Psychologe Hans Thomae (1966, S. 105) ausgedrückt:

„Güte, Abgeklärtheit und Gefasstheit sind nämlich nicht einfach Gesinnungen oder Haltungen, die man diesen oder jenen Anlagen oder Umweltbedingungen zufolge erhält. Sie sind auch Anzeichen für das Maß, in dem eine Existenz geöffnet blieb, für das Maß also, in dem sie nicht zu Zielen, Absichten, Spuren von Erfolgen oder Misserfolgen gerann, sondern so plastisch und beein­druckbar blieb, dass sie selbst in der Bedrängnis und noch in der äu­ßersten Düsternis des Daseins den Anreiz zu neuer Entwicklung empfindet.“

Dank
von Joseph von Eichendorff (1788-1857)

„Mein Gott, dir sag ich Dank,
Dass du die Jugend mir bis über alle Wipfel
In Morgenrot getaucht und Klang,
Und auf des Lebens Gipfel,
Bevor der Tag geendet,
Vom Herzen unbewacht
Den falschen Glanz gewendet,
Dass ich nicht taumle ruhmgeblendet,
Da nun herein die Nacht
Dunkelt in ernster Pracht.“

Die im hohen Alter stehende Person sieht sich in die Weite der Natur (man könnte auch sagen: in den Kosmos, in die göttliche Ordnung) gestellt. Sie erfährt sich als Teil eines umfassenden Ganzen; ein für das Lebensgefühl alter Menschen bedeutsamer Aspekt (Kruse & Schmitt, 2018; Tornstam, 2005). Die Person blickt auf ihre Biografie zurück, und – hier kann ich an Abschnitt I unmittelbar anschließen – dieser Rückblick ist ein „konstruktiver“, zum Teil auch „rekonstruktiver“, weil neu ordnender, neu gewichtender Prozess: Mit Blick auf das Ganze der Biografie können sich einzelne biografische Abschnitte noch einmal anders darstellen (Birren & Deutchman, 1991; Birren & Schroots, 2006; Butler, 1963, 1980). In diesem Lebensrückblick fällt der Blick zunächst auf die Jugend, die selbst dann, wenn sie (auch) von Entbehrungen bestimmt war, vielfach als Phase des Aufbruchs, der Lebensfülle und des Perspektivenreichtums gedeutet wird (Pratt et al., 2020). Schließlich rückt in diesem Gedicht das Erwachsenenalter in das Zentrum: Diesem wird die „Entwicklungsaufgabe“ (ein von Robert Havighurst eingeführter Begriff; vgl. Havighurst, 1948, 1961; Lehr, 1978) zugeordnet, sich mit den eigenen Ressourcen und Grenzen auseinanderzusetzen (Heckhausen et al., 2019), um auf der Grundlage eines solcherart differenzierten Selbstbildes zu einer persönlich sinnerfüllten Selbst- und Lebensgestaltung im Alter zu gelangen. Das Alter schließlich wird als eine von Erfahrungen der Verletzlichkeit und Endlichkeit mitbestimmte Lebensphase gedeutet (Erikson, 1998), zugleich aber als Lebensphase, in der das Individuum zu einem erweiterten, vertieften Lebenswissen gelangen kann (Kruse, 2017; Lehr, 2011; Schmitt, 2012; Staudinger, 2005). Die Deutung des Alters konzentriert sich hier auch auf seelisch-geistige Entwicklungsmöglichkeiten („Potenziale“), die nicht unter dem Eindruck der Verletzlichkeit abgeschattet werden dürfen.

Auf der Grundlage umfassender empirischer Forschung am Institut für Gerontologie zum hohen oder „vierten“ Lebensalter (siehe die Beiträge in Kruse & Schmitt, 2022) unterscheide ich zwischen vier Merkmalen seelisch-geistiger Reife, die im Zentrum des Potenzialdiskurses stehen sollten (ausführlich dazu Kruse, 2017, 2023). Diese vier Merkmale seien nachfolgend ausführlicher beschrieben.

Dieses Merkmal beschreibt die vertiefte, konzentrierte Auseinandersetzung des Individuums mit dem eigenen Selbst. Der psychologische Terminus der Introversion mit Introspektion erscheint besonders geeignet, wenn es darum geht, die innere (psychische) Situation eines alten Menschen genauer zu betrachten. Im Zentrum dieser Betrachtung steht das Selbst, das in der psychologischen Forschung als Zentrum, als Kern der Persönlichkeit betrachtet wird. Das Selbst integriert alle Erlebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse, die das Individuum im Laufe seines Lebens in der Begegnung mit anderen Menschen, in der Auseinandersetzung mit der Welt, aber auch in der Auseinandersetzung mit sich selbst und seiner Biografie gewinnt. In dem Maße nun, in dem Menschen offen sind für neue Erlebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse, entwickelt sich auch das Selbst weiter: Dieses zeigt sich gerade in der Verarbeitung neuer Erlebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse in seiner ganzen Dynamik, in seiner (schöpferischen) Veränderungskapazität. Das Konstrukt der Introversion mit Introspektion wird hier verwendet, um die besondere Sensibilität alter Menschen für alle Prozesse zu umschreiben, die sich in ihrem Selbst abspielen (Staudinger, 2015). – Neben den Erlebnissen, Erfahrungen und Erkenntnissen, die in der Begegnung mit anderen Menschen und in der Auseinandersetzung mit der Welt gewonnen werden, spielt hier zunächst der Lebensrückblick (Kruse, 2005a) – der in der Theorie von Erik Homburger Erikson (1998) einen bedeutenden Teil der Ich-Integrität im Alter bildet – eine wichtige Rolle (siehe Beiträge in Maercker & Forstmeier, 2013). Dieser Lebensrückblick betrifft in zentraler Weise das Selbst: Inwieweit werden dem Individuum bei dieser „Spurensuche“ noch einmal Aspekte seines Selbst bewusst, die dieses aus heutiger Sicht positiv bewertet, inwieweit Aspekte des Selbst, die dieses eher negativ bewertet (Butler, 1963, 1980)? Inwieweit gelingt es dem Individuum trotz negativer Bewertungen, „sich selbst Freund zu sein“, die eigene Biografie in ihren Höhen und Tiefen als etwas anzunehmen, das in eben dieser Gestalt stimmig, sinnerfüllt, notwendig war, inwieweit kann das Individuum sich selbst, aber auch anderen Menschen im Rückblick vergeben (Ritschl, 2004)? – Zudem stößt die begrenzte Lebenszeit Prozesse der Introversion mit Introspektion an: In der Literatur wird auch von Memento mori-Effekten gesprochen (Brandtstädter 2014), womit Einflüsse der erlebten Nähe zum Tod auf das Selbst gemeint sind. Im Zentrum stehen eine umfassendere Weltsicht und eine damit einhergehende Ausweitung des persönlich bedeutsamen Themenspektrums, weiterhin eine gelassenere Lebenseinstellung, begleitet von einer abnehmenden Intensität von Emotionen wie Ärger, Trauer, Reue und Freude. Zudem treten Spiritualität, Altruismus und Dankbarkeit stärker in das Zentrum des Erlebens (Kruse & Schmitt, 2018).

Die konzentrierte, vertiefte Auseinandersetzung mit sich selbst wird durch die Offenheit des Individuums für neue Eindrücke, Erlebnisse und Erkenntnisse gefördert; das in Abschnitt I angeführte Zitat von Hans Thomae (1966) vermittelt ein tiefes psychologisches Verständnis dieses Konstrukts. Offenheit wird in der psychologischen Literatur auch mit dem Begriff der „kathektischen Flexibilität“ (Peck 1968) umschrieben, was bedeutet, dass auch neue Lebensbereiche emotional und geistig besetzt und damit subjektiv thematisch werden. Mit Blick auf das hohe Alter misst der Psychologe Robert Peck dem Abzug der seelisch-geistigen Energie von körperlichen Prozessen und deren Hinwendung zu psychischen Prozessen große Bedeutung bei; weiterhin dem Abzug der seelisch-geistigen Energie vom eigenen Ich und deren Hinwendung zu dem, was dieses Ich materiell und ideell umgibt: der natürlichen, kulturell und sozial geformten Welt, dem Kosmos, der gesamten Schöpfung (Tornstam, 2005). Dies aber bedeutet, dass das Individuum empfänglich, offen für neue Erlebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse ist, dass es den „fließenden Charakter“, mithin die Dynamik des Selbst nicht blockiert, sondern dass es sich vielmehr ganz auf diese einlässt und damit auch etwas Neues hervorbringt, „schöpferisch lebt“. – Wir verdanken Friedrich Nietzsche (1844-1900) – nämlich seiner 1878 anlässlich des 100. Todestages Voltaires erschienenen Schrift „Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister“ – ein Zitat, das den fließenden Charakter des Selbst, das schöpferische Leben anschaulich umschreibt:

„Wer nur einigermaßen zur Freiheit der Vernunft gekommen ist, kann sich auf Erden nicht anders fühlen denn als Wanderer – wenn auch nicht als Reisender nach einem letzten Ziele: denn dieses gibt es nicht. Wohl aber will er zusehen und die Augen dafür offen haben, was alles in der Welt eigentlich vorgeht; deshalb darf er sein Herz nicht allzu fest an alles einzelne anhängen; es muss in ihm selber etwas Wanderndes sein, das seine Freude an dem Wechsel und der Vergänglichkeit habe.“ (Nietzsche, 1878/1998, S. 65)

Sorge beschreibt die erlebte und praktizierte Mitverantwortung für andere Menschen und das damit verbundene Bedürfnis, etwas für andere Menschen zu tun, deren Entwicklung und Lebensqualität zu fördern. Dieser Aspekt von Sorge ist auch mit dem psychologischen Konstrukt der Generativität angesprochen, ja, er ist geradezu für dieses Konstrukt konstitutiv (Kruse, 2016; McAdams & de St. Aubin, 1992). Sorge meint zudem nicht nur die von einem Menschen ausgehende, praktizierte Sorge, sondern auch die Sorge, die er von anderen erfährt. Dabei ist auch mit Blick auf Sorgebeziehungen im hohen Alter hervorzuheben, wie wichtig ein Geben und Nehmen von Hilfe und Unterstützung („Reziprozität“) für die Akzeptanz erfahrener Sorge ist (Kruse, 2016; Kruse & Schmitt, 2015). Die fehlende Möglichkeit, die empfangene Sorge zu erwidern, macht es schwer, Sorge anzunehmen. Dieser Aspekt gewinnt besondere Bedeutung in Phasen erhöhter Verletzlichkeit. Gerade in solchen Phasen sind Menschen sensibel dafür, ob sie primär als Hilfeempfangende wahrgenommen und angesprochen, oder ob sie auch in ihrer Kompetenz, selbst Hilfe und Unterstützung zu leisten, ernst genommen werden. Zugleich ist im thematischen Kontext von Sorge immer mitzudenken, wie wichtig es ist, dass das Individuum rechtzeitig lernt, Hilfe und Unterstützung, die objektiv nötig ist, bewusst anzunehmen (Baltes, 1996; Kruse, 2005b). – Vor dem Hintergrund dieses Verständnisses von Sorge wird deutlich, was mit Sorge nicht gemeint ist: das Umsorgt-Werden von anderen Menschen, das Umsorgen anderer Menschen. Nicht selten tendieren wir dazu, Sorge mit Umsorgt-Werden oder Umsorgen gleichzusetzen. Dieses enge Verständnis von Sorge greift zu kurz. Sorge ist sehr viel weiter zu fassen: Sie meint die freundschaftliche Hinwendung zum Menschen, die freundschaftliche Hinwendung zur Welt („amor mundi“, vgl. Arendt, 1989) – und dies in einer Haltung der Mitverantwortung (für den Mitmenschen wie auch für die Welt) und in dem Bedürfnis nach aktiver Mitgestaltung (der Beziehungen, der Welt) (siehe Beiträge in Kruse & Schmitt, 2022).

Mit der Wissensweitergabe ist auch das Fortwirken des Individuums in nachfolgenden Generationen angesprochen (in der Begrifflichkeit von Hannah Arendt [1960]: „symbolische Unsterblichkeit“). Dieses Fortwirken vollzieht sich auch auf dem Wege materieller und ideeller Produkte, die das Individuum erzeugt und mit denen es einen Beitrag zum Fortbestand und zur Fortentwicklung der Welt leistet. So sehr eine Person in der Erinnerung an das gesprochene Wort und die einmalige Gebärde fortlebt, so sehr Begegnungen mit dieser in uns emotional und geistig fortwirken, so wichtig ist es auch, die materiellen und ideellen Produkte im Auge zu haben, die sich nicht notwendigerweise unmittelbaren Begegnungen mit nachfolgenden Generationen verdanken, sondern die in Verantwortung vor der Welt und für die Welt entstanden sind. Auch diese Produkte hat Hannah Arendt im Auge, wenn sie von symbolischer Unsterblichkeit spricht (Arendt, 1960). Dabei bindet sie diese symbolische Immortalität an die höchste Form der Vita activa, nämlich an das Handeln – also an den Austausch zwischen Menschen in Wort und Tat – sowie an die Verwirklichung „des Politischen“ im Menschen. Dies legt folgende Deutung nahe: Es geht hier um Werke, die (auch) aus einer Verantwortung gegenüber der Welt entstanden sind, mit denen bewusst zum Fortbestand und zur Fortentwicklung der Welt beigetragen werden soll (Blumenberg, 1986).

Die große Fracht
von Ingeborg Bachmann (1926-1973)

„Die große Fracht des Sommers ist verladen,
das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit,
wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit.
Die große Fracht des Sommers ist verladen.
 
Das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit,
und auf die Lippen der Galionsfiguren
tritt unverhüllt das Lächeln der Lemuren.
Das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit.
 
Wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit,
kommt aus dem Westen der Befehl zu sinken;
doch offnen Augs wirst du im Licht ertrinken,
wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit.“

Diese große Schriftstellerin, der es nicht vergönnt war, ein hohes Alter zu erreichen, gibt in ihrem und mit ihrem Gedicht eine eindrucksvolle Deutung von Potenzialen des Alters: nämlich die Fähigkeit und Bereitschaft, sich offen der eigenen Biografie zuzuwenden und den biografischen Rückblick als eine Grundlage für die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit zu wählen. Mit dem Sprachbild der „großen Fracht“ ist angedeutet, dass der Lebensrückblick einer Person in dem Maße von Vielfalt und Tiefe bestimmt ist, in dem diese im Lebenslauf die Fähigkeit zur „existenziellen Fühlung“ ausgebildet und kultiviert hat. Dieser Begriff soll nachfolgend erläutert und eingeordnet werden.

Aus existenzpsychologischer Sicht besteht eine bedeutende Entwicklungsaufgabe der Person darin, sich in den verschiedenen Phasen des Lebens mit grundlegenden („existenziellen“) Fragen auseinanderzusetzen, die ihr gestellt sind. Diese grundlegenden Fragen – zu denen solche wie die Suche nach Sinn, das persönliche Verständnis von Liebe, Freundschaft und Solidarität, der Umgang mit Schuld, der Umgang mit den Grenzen des Lebens, schließlich Verletzlichkeit, Vergänglichkeit und Sterblichkeit zu zählen sind – bilden Teil der geistigen Welt, an der wir als Menschen teilhaben. Die geistige Auseinandersetzung allein ist aus existenzpsychologischer Sicht noch nicht ausreichend, damit diese grundlegenden Fragen auch für die konkrete Lebensführung unmittelbare Bedeutung gewinnen. Die geistige Auseinandersetzung muss sich auch in der seelischen (psychischen) Situation der Person widerspiegeln, sie muss deren Erleben erreichen und beeinflussen (Frankl 1972; May 1983; Yalom 1980). Ich schlage den Begriff der „existenziellen Fühlung“ vor, um die Widerspiegelung der großen existenziellen Themen im Erleben der Person zu umschreiben. Wie versucht sie, sich in der seelisch-geistigen Verarbeitung der „großen“ Lebensthemen zu orientieren? Wie und mit welchem Ergebnis verarbeitet sie diese Themen?

Der Lebensrückblick der Person, dem im hohen Alter eine bedeutende psychologische Funktion für deren gelingende Auseinandersetzung mit Verletzlichkeit, Vergänglichkeit und Sterblichkeit zukommt (Butler, 1963, 1980; Kruse, 2005a), zeigt, inwieweit im Lebenslauf derartige existenzielle Fühlungen stattgefunden haben und welche grundlegenden existenziellen Fragen sie betrafen. Zudem zeigt sich im Lebensrückblick das Ergebnis dieser Fühlungen: Hoffnung, Vertiefung des Lebensgefühls, Getragenheit und Geborgenheit, Erschütterung, innere Verlassenheit und Verzweiflung sind Beispiele für dieses Ergebnis. Wenn man das – auf Viktor von Weizsäcker (1950) zurückgehende – Konzept des ungelebten Lebens verwendet, so kann bei Einnehmen der Perspektive des persönlichen Lebensrückblicks gesagt werden: Das ungelebte Leben zeigt sich in diesem Rückblick vor allem in fehlenden existenziellen Fühlungen; diese Fühlungen wurden in Bezug auf bestimmte Lebensfragen nicht gewagt oder nicht tiefgreifend verwirklicht. Hier können sich Erlebenslücken zeigen, die auch im Sinne von existenziellen Lücken zu begreifen sind; und es sind diese existenziellen Lücken, die dazu beitragen, dass Menschen in Lebenskrisen zur Überzeugung gelangen, nun das Leben nicht mehr fortsetzen zu „können“, weil dieses Leben als in hohem Maße „unvollständig“ gedeutet wird. Umgekehrt kann es Menschen, die in vielfacher Hinsicht existenzielle Fühlungen erlebt haben und diese auch im Lebensrückblick als sinnstiftend deuten, in solchen Lebenskrisen gelingen, „Ja zum Leben zu sagen“, wie dies Viktor Emil Frankl in seinem bekanntesten Buch: „… trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“ (1946/1977) ausgedrückt hat.

Die existenzielle Fühlung, man müsste hier im Plural sprechen: existenzielle Fühlungen lassen sich somit als Grundlage von Lebensbindungen der Person im Alter verstehen. Dies betrifft zum einen – und vor allem – jene Fühlungen, die in der Wahrnehmung der Person mit positiven Gedanken und Gefühlen einhergegangen sind. Dies kann zum anderen biografische Fühlungen betreffen, in denen die Person zunächst in hohem Maße belastet, wenn nicht sogar erschüttert war, in denen sie aber – durch eigene „seelisch-geistige Arbeit“ wie auch durch Begleitung und Zuspruch von An- und Zugehörigen – nach und nach zur Neuorientierung und vermittelt über diese zur ausdrücklichen Bejahung des Lebens gefunden hat (siehe dazu die Beiträge in Maercker u. Forstmeier 2013). Folgt man den Ausführungen von James Birren (Birren & Deutchman, 1991) und Robert Butler (1963, 1980) zum Lebensrückblick, dann sind es vielfach auch derartige Grenzsituationen in der Biografie und deren innere Überwindung, die in der Retrospektive dem Leben einen besonderen Wert zu geben vermögen (Butler 1980; Birren u. Schroots 1986). Ähnlich argumentieren Erik Homburger Erikson (1998) aus ich-psychologischer und Viktor Frankl (1972) sowie Rollo May (1983) aus existenzpsychologischer Perspektive (siehe auch Yalom, 1980).

Vor diesem Hintergrund lässt sich das Konzept der existenziellen Fühlung wie folgt charakterisieren: Es meint das Durchdrungen-Sein der Person von Leben, die Erfahrung, ganz im Leben zu stehen, in besonderer Weise beschenkt oder gefordert zu sein, wobei in dieser Erfahrung auch das fühlbare Fundament der eigenen Existenz angesprochen ist, welches die Person in besonderer Weise motiviert oder „auffordert“, aus sich herauszugehen und einmal mehr „offen“ für die vielfältigen Facetten und Erscheinungen des Lebens zu sein.

Das Wort „Existenz“ leitet sich vom lateinischen existere her, welches mit hervortreten übersetzt wird. Die existenzielle Fühlung meint auch das Hervortreten, meint ausdrücklich eine persönlich tiefgreifende Antwort in einer Situation, die die Existenz in ihrem Fundament berührt. Eine ähnliche Aussage aus der Perspektive der Existenzphilosophie ist in den Arbeiten von Karl Jaspers zu finden (Jaspers 1932/1973).

Was für das hier explizierte Verständnis von „existenzieller Fühlung“ auch wichtig ist: Zum einen ist mit dem Wort der Fühlung nicht gemeint, dass es sich ausschließlich oder primär um ein Gefühl handelt, also um eine rein emotionale Reaktion. Mit „existenzieller Fühlung“ ist ausdrücklich auch ein geistiger Prozess, mithin auch ein Akt des Denkens gemeint. Fühlung bildet nach diesem Verständnis die Integration kognitiver, emotionaler und wertbezogener Akte (vgl. zu dieser Integration Labouvie-Vief et al. 2010). Zum anderen verstehe ich die in der individuellen Biografie einer Person vollzogenen existenziellen Fühlungen als eine Grundlage für entsprechende Fühlungen im höheren und hohen Alter. Und ich gehe davon aus, dass natürlich auch im höheren und hohen Alter die Möglichkeit zu existenziellen Fühlungen besteht, dass – angesichts der großen Herausforderungen in dieser Lebensphase – die Wahrscheinlichkeit derartiger Fühlungen weiter zunimmt (Kruse 2023). Existenzielle Fühlungen werden in Situationen verwirklicht, die eine hohe persönliche Relevanz aufweisen. Das können Begegnungen in der Liebe und der Freundschaft sein, aber auch das Zeuge Werden einer Verzweiflung, mit der ein nahestehender Mensch auf einen Verlust oder einen ernsten Konflikt antwortet. In Grenzsituationen des Lebens ist die Wahrscheinlichkeit existenzieller Fühlung besonders ausgeprägt, weil wir in derartigen Situationen erschüttert sind, wir unsere früheren inneren und äußeren Lebensgrundlagen in Frage gestellt sehen. Man braucht hier nur an den Verlust eines geliebten Menschen oder an die Konfrontation mit einer eigenen tödlichen Diagnose zu denken. Die Grenzsituationen führen mich unmittelbar zur Existenzphilosophie Karl Jaspers‘.

Der Beitrag setzte sich das konzeptionelle Ziel, die Verletzlichkeitsperspektive auf das Alter um eine Potenzialperspektive zu erweitern und diese beiden Perspektiven miteinander zu verbinden. Diese Verbindung ist in folgender Hinsicht wichtig: Es soll erklärt werden, wie die Verwirklichung seelisch-geistiger Entwicklungspotenziale auch im Angesicht zunehmender Verletzlichkeit und tatsächlich eingetretener Verletzungen möglich wird. Ein möglicher Erklärungsansatz nimmt seinen Ausgang von einem wichtigen Motiv alter Menschen: nämlich dem Motiv, von anderen Menschen wahr-, ernst-und angenommen zu werden, dem Motiv, das eigene Leben in den Dienst anderer, vor allem junger Menschen zu stellen. Dieses Motiv umschreibe ich mit dem Begriff der schöpferischen Sorge. „Ich möchte nicht nur als Umsorgter, sondern auch und vor allem als Sorgender wahrgenommen werden“, so oder ähnlich würden dies alte Menschen umschreiben. Dieses Sorgemotiv geht auch im Angesicht eigener Verletzlichkeit nicht (substanziell) zurück. Es ändern sich möglicherweise die Ausdrucksformen des Motivs, aber nicht das Motiv selbst. Eine bedeutende Aufgabe von Gesellschaft und Kultur sehe ich darin, dieses Motiv zu erkennen und mit hoher Sensibilität auf dieses zu antworten; damit wird auch ein Beitrag zur Verwirklichung des Würdeanspruchs alter Menschen geleistet.


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